Zehn Jahre ist es her, seit die beiden Türme des World Trade Centers in New York in einer gigantischen Staubwolke zusammensanken. Du warst noch ein kleines Kind – und doch wird es Dir wohl vorkommen, als ob Du das persönlich erlebt hättet, so oft wurden die Videos im Fernsehen wiederholt. Die Terroranschläge gegen diese symbolhaften Bauten Amerikas erschütterten die westliche Welt. Nichts würde danach wieder so sein, wie es war – ein Standardsatz, der Stunden und Tage danach wiederholt wurde.
Es waren Worte des Entsetzens. Sie gehören nicht auf die Goldwaage. Der Alltag der Menschen nahm wieder seinen Lauf. Nicht alles änderte sich, aber vieles. Man gewöhnte sich an die verschärften Kontrollen auf den Flughäfen, an Bombenalarme auf Bahnhöfen und die ständigen Terrormeldungen in den Medien. Es folgte der Krieg in Afghanistan, der immer noch dauert. Es folgte der unter vorgeschobenen Gründen inszenierte Einfall in den Irak, der einen schlimmen Diktator stürzte und ein kaputtes Land zurückließ. Wie eine misslungene Tumor-Operation die Krebszellen im Körper ausstreut, hat der „Krieg gegen den Terrorismus“ die Terrorzellen über die Welt verbreitet. Neue, teilweise schwere Anschläge und viele Opfer hat es gegeben, wenn auch der Schrecken des 11.9. nie wieder erreicht wurde.
Die Entfremdung zwischen westlicher und islamischer Welt hat neue Dimensionen angenommen. Hier meinen christliche Fanatiker Korane verbrennen zu sollen, dort demonstrieren Massen teilweise gewaltsam gegen meintliche Schähungen Mohammeds und Allahs durch westliche Karikaturisten. Auch in Deutschland hat eine Islamophobie um sich gegriffen, die Millionen friedlicher und unbescholtener Mitbürger wegen ihrer Religion ins Abseits stellt und nicht mehr rational zu erklären ist. Mit christlich-abendländischen Werten und dem Grundgesetz ist solches nicht vereinbar.
Der Rückblick auf diese zehn Jahre zeigt: Die Welt ist nicht mehr so wie früher, und doch blieb Vieles wie es war. Die Spekulanten haben weiter spekuliert und die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt. Die reichen Länder bringen immer noch nicht einmasl 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung auf, um die Armen zu unterstützen. Viele Länder weigern sich hartnäckig, etwas gegen die Klimakatastrophe zu tun. Und im Nahen Osten hält mehr politische Unvernunft denn je auf allen Seiten die schwärende Wunde offen, die das Verhältnis zwischen westlicher und islamischer Welt seit Jahrzehnten aufs Schwerste belastet.
Die Welt ist nicht besser und nicht sicherer geworden, vielleicht im Gegenteil. Sie hat sich nur an die Hiobsbotschaften gewöhnt. Die Menschen hören bei den Meldungen über gelungene oder misslungene Anschläge, über verhaftete oder verurteilte Terrorverdächtige und mehr oder weniger konkreten Terrorwarnungen nur noch mit einem Ohr hin. Nicht wenige mutmaßen, dass solche Warnungen über die Medien hochgekocht werden, damit Sicherheitspolitiker die nächsten Verschärfungen der Sicherheitsgesetze, noch weitergehende Einschränkungen des Datenschutzes und noch tief greifendere Eingriffe in Freiheitsrechte des Bürgers begründen können.
Wie dem auch sei: Niemand bezweifelt, dass der Terrorismus uns erhalten und dass er gefährlich bleibt. Dieses Thema wird Euch in Eurem ganzen Erwachsenenleben immer wieder beschäftigen. Wie gefährlich ist der Terrorismus eigentlich wirklich? Ist es genug oder zu viel und ist in jedem Falle richtig, was die Politiker gegen die Terroristen und zum Schutz der Bürger unternehmen? Immer wieder neu wird diskutiert werden: Sind auch wir von Anschlägen bedroht? Können wir uns schützen? Brauchen wir schärfere Anti-Terror-Maßnahmen oder wird unsere Freiheit dadurch zu sehr eingeschränkt? Wie kann die Weltgemeinschaft auf den Terror angemessen reagieren?
Um das als mündige Bürger beurteilen und mitreden zu können, ist es gut, etwas darüber zu wissen. Was genau ist überhaupt Terrorismus? Welche Ziele haben die Terrorgruppen? Was treibt diese Menschen zu ihrem absurden und verbrecherischen Tun?
Die Frage heißt aber auch: Kannst Du in Deiner Lebenswelt etwas tun, um das Abgleiten von Menschen in Terrorismus und Gewalt zu verhindern? Das ist überhaupt nicht weit hergeholt. Vielleicht hast Du es selbst schon erlebt: Misstrauen und Unverständnis zwischen westlicher und islamischer Welt spiegelt sich auch auf dem Schulhof. Pädagogen beklagen rassistische Ausfälle auf beiden Seiten: Deutsche gegen ausländischstämmige Mitschüler, und die wiederum gegenüber ihren deutschen Mitschülern. Und mittlerweile ist bekannt, dass auch aus Deutschland einige junge Menschen ihren Weg in die Terrorausbildungslager angetreten haben.
In diesem Arbeitsbuch findet ihr zu allen Themen viele Information, aber auch zum Teil widersprüchliche Meinungen. Manchmal gibt es auch gar keine fertigen Antworten. Manche Fragen sind so schwierig, dass die Wissenschaftler und Experten sich nicht einig werden. Die Texte und Aufgabenstellungen in diesem Buch haben das Ziel, dass ihr hinterher nicht nur viel mehr über den Terrorismus wisst und über die ernsten Probleme, die mit ihm zusammenhängen. Ihr sollt darüber miteinander diskutieren, ruhig auch einmal heftig streiten. Und dann soll sich jeder seine eigene Meinung bilden. Da muss man am Ende überhaupt nicht in allen Fragen gleicher Meinung sein. Außer darüber, dass unsere freiheitliche Gesellschaft mit all ihren Fehlern und Schwächen es wert ist, gegen ihre Feinde verteidigt zu werden.
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